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Susanoo ist der Sturm- und Meeresgott des Shintō, der traditionellen Religion Japans.
Susanoo ist eine der komplexesten Gottheiten der japanischen Mythologie. Er ist zugleich Sturmgott, Meeresgott, Gott der Wildnis, Zerstörer, Rebell und schließlich großer Held und Beschützer. Besonders wichtig ist seine Beziehung zu seiner Schwester Amaterasu und sein Kampf gegen die achtköpfige Schlange Yamata no Orochi.
Wer ist Susanoo?
Susanoo heißt vollständig Susanoo-no-Mikoto (須佐之男命 bzw. 須佐能乎命). Er gehört zu den wichtigsten Kami des frühen japanischen Mythos.
Er ist der Sohn des Urgottes Izanagi. Nach seiner Reinigung aus der Unterwelt entstanden drei besonders bedeutende Gottheiten:
Amaterasu – aus Izanagis linkem Auge
Tsukuyomi – aus seinem rechten Auge
Susanoo – aus seiner Nase
Diese drei werden häufig als die „Drei edlen Kinder“ (三貴子, Mihashira no Uzu no Miko) bezeichnet.
Izanagi gab jedem von ihnen einen Herrschaftsbereich:
Amaterasu → Himmel
Tsukuyomi → Mond/Nacht
Susanoo → Meer
Damit war Susanoo ursprünglich vor allem mit der wilden und unberechenbaren Natur des Meeres verbunden.
Susanoo – die zerstörerische Seite der Natur
Susanoo unterscheidet sich stark von Amaterasu. Amaterasu verkörpert Sonne, Licht, Ordnung, Beständigkeit, Himmel und eine kultivierte Welt.
Im Gegensatz dazu steht Susanoo für Sturm, Dunkelheit, Unwetter, Chaos, Unberechenbarkeit, Meer und Wildnis und die ungezähmte Natur.
Das bedeutet aber nicht, dass Susanoo einfach „der böse Gott“ wäre. Vielmehr verkörpert er eine ambivalente Naturkraft.
Ein Sturm kann:
zerstören, aber auch Regen bringen;
Felder verwüsten, aber Wasser liefern;
Schiffe vernichten, aber die Natur erneuern.
Diese Ambivalenz ist entscheidend für das Verständnis seiner mythologischen Rolle.
Warum wird Susanoo aus dem Himmel verbannt?
Susanoo war mit seiner Bestimmung unzufrieden. Er soll über das Meer herrschen, möchte aber stattdessen zu seiner verstorbenen Mutter Izanami in die Unterwelt. Er weinte und klagte so heftig, dass seine Tränen und sein Verhalten die Welt verwüsten. Izanagi wurde wütend und verbannte ihn.
Bevor Susanoo geht, möchte er seine Schwester Amaterasu im Himmel besuchen.
Und genau hier beginnt einer der wichtigsten Mythen Japans.
Das göttliche Kräftemessen mit Amaterasu
Amaterasu misstraut ihrem Bruder. Sie befürchtet, Susanoo wolle sie angreifen oder ihren Herrschaftsbereich übernehmen. Deshalb erscheinen beide bewaffnet voreinander.
Sie schließen einen Wettbewerb ab, bei dem sie aus den Gegenständen des jeweils anderen neue Gottheiten hervorbringen.
Aus Amaterasus Schwert entstehen männliche Gottheiten. Aus Susanoos Schmuck entstehen weibliche Gottheiten. Susanoo behauptet daraufhin, er habe den Wettbewerb gewonnen.
Warum?
Weil aus seinem Schmuck weibliche Wesen entstanden seien und er deshalb „rein“ gewesen sei.
Susanoos großer Frevel
Doch Susanoo beruhigt sich nicht. Er beginnt, Amaterasus heilige Welt zu zerstören.
Er verwüstet ihre Reisfelder, zerstört Bewässerungsanlagen, verschmutzt heilige Räume, verursacht Chaos am Himmel.
Der schlimmste Vorfall geschieht in der himmlischen Webhalle.
Susanoo schleudert einen gehäuteten Himmelshengst durch das Dach. Eine Weberin erschrickt und stirbt.
Das ist ein besonders schwerer Frevel, weil Weben und die Herstellung heiliger Gewänder eng mit der kultischen Ordnung verbunden waren.
Susanoo und die Höhle von Amaterasu
Nach diesen Ereignissen zieht sich Amaterasu in die Höhle Amano-Iwato zurück. Damit verschwindet das Sonnenlicht und die Welt fällt in Dunkelheit.
Hier wird Susanoo zum Auslöser einer kosmischen Krise. Die Götter müssen gemeinsam einen Weg finden, Amaterasu wieder hervorzulocken.
Schließlich gelingt dies durch den berühmten Tanz von Ame-no-Uzume, einen Spiegel und die Kraft von Ame-no-Tajikarao.
Susanoo wird anschließend aus dem Himmel verbannt.
Die erstaunliche Wandlung zum Helden
Und hier wird Susanoos Mythologie besonders interessant. Nach seiner Verbannung gelangt er nach Izumo. Dort begegnet er einem alten Ehepaar und dessen Tochter Kushinadahime. Die Familie ist verzweifelt, weil ein gewaltiges Monster sie bedroht.
Dieses Monster ist Yamata no Orochi – die achtköpfige Schlange.
Susanoo gegen Yamata no Orochi
Yamata no Orochi besitzt acht Köpfe, acht Schwänze, einen riesigen Körper und Augen, die rot wie Feuer leuchten. Sein Körper erstreckt sich über mehrere Täler und Berge. Also nicht unbedingt ein Typ, dem man begegnen möchte.
Jedes Jahr fordert das Monster ein Mädchen als Opfer und dieses Jahr soll Kushinadahime geopfert werden. Susanoo bietet an, sie zu retten.
Dafür verlangt er ihre Hand und die Eltern stimmen zu.
Die List des Susanoo
Susanoo weiß, dass er die Schlange nicht einfach mit Gewalt besiegen kann. Er lässt daher acht große Gefäße mit starkem Sake aufstellen.
Als Yamata no Orochi kommt, trinkt jeder Kopf aus einem Gefäß und das Monster wird betrunken.
Als es wehrlos ist, greift Susanoo an und zerstückelt die Schlange. Damit wird aus dem einstigen zerstörerischen Rebellen ein Monsterbezwinger und Beschützer.
Das Schwert Kusanagi
Beim Zerschneiden eines der Schwänze stößt Susanoos Schwert auf etwas Hartes. Im Inneren befindet sich ein außergewöhnliches Schwert - Kusanagi-no-Tsurugi (草薙剣).
Es wird später zu einem der drei kaiserlichen Insignien Japans. Die anderen beiden sind Yata no Kagami – ein Spiegel und Yasakani no Magatama – ein Juwel.
Damit verbindet Susanoo seine eigene Geschichte direkt mit der Legitimation des japanischen Kaiserhauses. Er übergibt das Schwert schließlich Amaterasu.
Susanoo als Kulturbringer
Nach dem Sieg über Orochi wird Susanoo nicht nur als Krieger gesehen. Er gründet eine neue Ordnung in Izumo und heiratet Kushinadahime.
Damit entsteht ein wichtiges mythologisches Motiv:
Chaos → Prüfung → Sieg → Ehe → Familie → Ordnung
Susanoo ist also nicht nur Zerstörer. Er ist ein Gott, der durch die Überwindung des Chaos selbst zur Schaffung einer neuen Ordnung beiträgt.
Verbindung zu Izumo
Susanoo ist besonders eng mit der Region Izumo verbunden. Dort entwickelte sich eine eigenständige Tradition, die später in die staatlich dominierende Mythologie integriert wurde.
Ein bedeutender Schrein ist der Yasaka Shrine.
Auch in Izumo selbst gibt es zahlreiche Susanoo-Schreine. Seine Verehrung ist besonders stark in Westjapan.
Susanoo und die Schwertsymbolik
Für die spätere Samurai-Kultur ist Susanoo besonders interessant. Seine Geschichte enthält eines der wichtigsten Schwerter der japanischen Mythologie – das Kusanagi-no-Tsurugi.
Das Schwert symbolisiert militärische Macht, Mut, Schutz, Herrschaft und den Sieg über das Chaos.
Dadurch wurde Susanoo zu einer wichtigen mythologischen Figur für spätere Vorstellungen vom heroischen Krieger.
Er ist allerdings kein Samurai im historischen Sinn. Seine Geschichten sind wesentlich älter als die Entstehung des Samurai-Standes.
Susanoo als Gott des Sturms
Die moderne Bezeichnung „Sturmgott“ ist nützlich, aber etwas vereinfachend.
In den ältesten Quellen ist Susanoos Zuständigkeitsbereich nicht so sauber definiert wie beispielsweise der eines griechischen Gottes.
Er steht vielmehr für eine Kombination aus Meer + Sturm + Wildnis + Gewalt + Reinigung + Heldentum.
Gerade diese Kombination macht ihn einzigartig.
Susanoo ist nicht einfach „böse“
Das ist einer der wichtigsten Punkte. Susanoo besitzt eine doppelte Natur. Einerseits ist er Zerstörer. Er rebelliert gegen die göttliche Ordnung, zerstört Reisfelder, verletzt Tabus und verursacht die Krise um Amaterasu.
Andererseits ist er ein Held. Er rettet Kushinadahime, besiegt Yamata no Orochi, erhält Kusanagi und gründet eine neue Ordnung.
Das ist typisch für viele alte Mythen - Die gleiche Kraft, die Chaos verursacht, kann später das Chaos überwinden.
Seine mythologische Bedeutung für Japan
Susanoo verkörpert einen wichtigen Gegensatz zu Amaterasu. Amaterasu steht für die geordnete, helle und stabile Welt.
Susanoo steht für die wilde, unberechenbare und zerstörerische Natur.
Aber die Mythologie sagt nicht, dass eine Seite vollständig gut und die andere vollständig böse ist. Beide Kräfte sind notwendig.
Ohne Amaterasu gibt es Dunkelheit und Chaos. Ohne Susanoo gäbe es keine Überwindung von Yamata no Orochi und kein Kusanagi.
Die wichtigste Aussage über Susanoo
Susanoo ist kein klassischer „böser Gott“, sondern eine ambivalente Gottheit der wilden Natur. Er beginnt als rebellischer Zerstörer der himmlischen Ordnung, wird aus dem Himmel verbannt und entwickelt sich anschließend zum großen Helden von Izumo. Sein Sieg über Yamata no Orochi und die Entdeckung des Kusanagi-Schwertes machen ihn zu einer der wichtigsten Figuren für die japanische Mythologie und später auch für die symbolische Vorstellung des kriegerischen Heldentums.
Heute hat Susanoo in Japan vor allem eine religiöse, kulturelle und mythologische Bedeutung. Er wird weiterhin in zahlreichen Shintō-Schreinen verehrt, ist aber für die meisten Menschen weniger eine alltäglich angerufene Gottheit als beispielsweise Inari oder Hachiman.
Seine wichtigsten heutigen Bedeutungen
Schutzgottheit: Susanoo wird vielerorts als Beschützer vor Krankheiten, Unheil und Katastrophen verehrt. Besonders deutlich ist dies bei den Traditionen rund um das Gion Matsuri in Kyoto.
Gott der Reinigung: Seine Verbindung mit Sturm und zerstörerischen Naturkräften wurde teilweise als Fähigkeit verstanden, Verunreinigungen und Gefahren hinwegzufegen.
Held und Monsterbezwinger: Der Sieg über Yamata no Orochi ist bis heute eine der bekanntesten Geschichten der japanischen Mythologie. Dabei steht Susanoo für den Sieg über eine zerstörerische Bedrohung.
Verbindung zu Izumo: In der Präfektur Shimane und besonders in der historischen Landschaft Izumo besitzt er eine besonders starke kulturelle Präsenz. Dort wird seine Geschichte eng mit der regionalen Mythologie verbunden.
Schwert- und Kriegertradition: Durch den Fund des Kusanagi-no-Tsurugi besitzt Susanoo eine wichtige Verbindung zu Schwert, Heldentum und der mythischen Geschichte der kaiserlichen Insignien.
Naturgewalt: Moderne Darstellungen verstehen ihn häufig als Verkörperung der unberechenbaren Kräfte von Sturm, Meer und Natur.
Besonders interessant: Susanoo ist kein „böser Gott“
Auch heute ist die ambivalente Natur seiner Figur wichtig. Er kann zerstörerisch und chaotisch, aber ebenso beschützend und heldenhaft sein. Genau diese Wandlung – vom rebellischen Gott zum Bezwinger Yamata no Orochis – macht ihn zu einer der interessantesten Figuren des Shintō.
Kurz gesagt: Susanoo steht im heutigen Japan vor allem für Schutz, Reinigung, Naturgewalt, Mut und den Sieg über Chaos. Seine größte kulturelle Bedeutung liegt weniger darin, dass Japaner ihn als „Kriegsgott“ anrufen, sondern darin, dass seine Mythen bis heute Bestandteil japanischer Religion, Feste, regionaler Identität und Populärkultur sind.
Die drei wichtigsten unterschiedlichen Schreine für Susanoo:
1. Susa Shrine (須佐神社)
Ort: Susa, Izumo, Präfektur Shimane in der Region Chūgoku
Einer der wichtigsten Susanoo-Schreine überhaupt. Der Überlieferung nach ist der Ort eng mit Susanoos Aufenthalt in Izumo verbunden.
2. Yasaka Shrine (八坂神社)
Stadt und Präfektur Kyoto in der Region Kansai
Einer der berühmtesten Susanoo-Schreine Japans und Zentrum des Gion Matsuri. Susanoo wird hier zusammen mit Kushinadahime und anderen Gottheiten verehrt.
3. Tsushima Shrine (津島神社)
Stadt Tsushima in der Präfektur Aichi, Region Chūbu
Bedeutendes Zentrum des Tsushima-Kultes, dessen Hauptgottheit traditionell mit Susanoo verbunden ist. Von hier gingen zahlreiche Zweigschreine in ganz Japan aus.
Wenn es um die mythologische Bedeutung geht, ist der Susa Shrine an die erste Stelle zu setzen. Für die historische Verbreitung des Susanoo-Kultes sind dagegen Yasaka und Tsushima besonders wichtig.